Ratschläge, die Rat schlagen

Ratschläge,
die Rat schlagen
Wenn dein Kind trinkt, musst auch du trinken“, sagt meine Mutter mit wissendem Blick und drückt mir ein Glas Wasser in die Hand. Mal davon abgesehen, dass ich wesentlich lieber etwas Saft oder zumindest Tee hätte, ist die Lage gerade äußerst ungünstig. Mein Neugeborenes versucht, die Brust zu erwischen, während ich es mit einer Hand abstütze. Die zweite Hand aber, die ihm Hilfestellung geben könnte ist jetzt blockiert – durch das Glas Wasser.

Ich nippe und gebe das Glas wieder ab. Im Moment konzentriere ich mich lieber auf mein Kind, trinken kann ich auch, wenn das Baby auf dem Arm eingeschlafen ist.Wo schon Schwangere viel zu leiden haben, hören die ungewollten Tipps auch in der Stillzeit einfach nicht auf. Dabei meint es meine Mutter nur gut. Tausend Ratschläge, die sie einst befolgt hat, meint sie nun, mir mit auf den Weg geben zu müssen. „Wie, du gehst mit dem Kleinen schon vor die Tür?“, fragt sie mich mit großen Augen, als ich ihr erzähle, mitsamt Säugling im Tragetuch meinen Großen in die KiTa gebracht zu haben. „Früher hieß es immer, die ersten paar Wochen soll man mit dem Kind nicht unter Menschen.“Ja, früher.

Dabei sind mir die Menschenmassen, die sich plötzlich in unserem Haus versammeln viel unangenehmer, als all die Fremden, die ich nur am Rande bemerke, wenn ich mit dem Großen an der Hand und dem Kleinen vor der Brust durch die Straßen laufe. Keinen Schritt kann ich mehr machen, ohne beratschlagt zu werden. „Hühnersuppe ist ideal für Stillende“, oder „ein bisschen Sekt geht schon, da schießt die Milch ein“. Meine übereifrigen Brüste wollen davon lieber nichts wissen, ich habe Milch, genug davon.

Fencheltee meide ich, stattdessen bekomme ich schon im Krankenhaus hin und wieder eine Tasse Salbeitee gereicht. Und dass Orangen meinem Stillkind einen wunden Hintern machen, habe ich zwar gehört, aber noch nicht erlebt, dabei liebe ich die Zitrusfrüchte gerade in der Weihnachtszeit.So langsam hat meine Mutter es zumindest begriffen. „Entschuldige, du weißt das schon selbst am besten“, sagt sie, wenn ich ihr einen genervten Blick zu werfe. Da hat sie ausnahmsweise mal recht.

Ich kenne mich und mein Kind eben am besten. Und wenn ich doch eine Frage habe, dann frage ich auch. Fremde Ratschläge nehmen trotzdem nicht ab. „Aber sie stillen doch“, fragte mich eine Frau im Zug und am liebsten hätte ich mit „Nein“ geantwortet, nur um ihr erschrockenes Gesicht zu sehen. Wo Schwangere schon viel zu leiden haben, hört das Ende der Privatsphäre mit dem Muttersein endgültig auf. „Du musst mit dem Kind zum Turnen“, „Geh mehr an die frische Luft“, „Gibst du den Kindern auch genug Vitamine?“.

Jeder meint es gut, aber scheinbar findet niemand, ich sei eine gute Mutter. Ernst wird es für mich, wenn auch die Menschen in meiner näheren Umgebung von ihren Ratschlägen nicht abrücken und sie mir aufdrängen wollen. „Keine Kuhmilch und kein Zucker bis zum ersten Lebensjahr“, habe ich meinen Verwandten schon vor der Geburt meines Sohnes vor fast sieben Jahren erklärt. Ungläubige Gesichter. „Aber die Kinder brauchen das doch!“ Sehe ich eben anders, immerhin habe ich die Milch selbst immer dabei und Zucker gibt es in unserer Gesellschaft später ohnehin genug.

Wenigstens ein Jahr sollen meine Kinder davor geschützt sein. „Ich hab da was für den Kleinen“, meinte meine Schwiegermutter trotzdem, als wir sie besuchten und zog stolz einen Obstgarten aus dem Kühlschrank. Mein kühles „Nein“, nahm sie nur unwillig zur Kenntnis. So wie mein Schwiegervater noch heute darauf wartet, dass meine Kinder nach den ersten Monaten die Flasche bekommen. „Da reicht doch die Milch nicht mehr“, meint er sich zu erinnern und ich verdrehe innerlich die Augen.

Die dicken Backen meiner Säuglinge haben jedes Mal bewiesen: sie reicht doch. Ist eine Mutter nicht von sich aus schon eingeschüchtert durch ihren neuen Status und die permanente Angst, um ihr Kind, wird sie es mit solchen Ratschlägen mit Sicherheit. Dabei könnte es so einfach sein. Wenn meine Mutter, statt Rat zu schlagen, einfach erzählt, wie es ihr damals ergangen ist und ich ihr dann erklären kann, wie ich die Dinge heute sehe, kommen wir viel eher zu einem Punkt des gegenseitigen Verständnisses – und vielleicht kann ich dann wirklich noch etwas für mich und meine Kinder mitnehmen und verschließe mich nicht gleich von vorneherein.

Und wenn ich es dabei noch schaffe, auf meinen Bauch zu hören und meinen Kindern das mitzugeben, was mir wirklich wichtig erscheint, kann es am Ende gar nicht so falsch sein. Bis jetzt bin ich mit meinen Kleinen jedenfalls sehr zufrieden – und damit auch irgendwie mit mir als Mutter. Ratschläge hin oder her.

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